Die Surfpoeten
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(muschi)

Fräulein Liebe, Fräulein Leben und der junge Herr Loslassen. Oder Der Bäcker im Haus

Der Bäcker im Haus

Heute würde ich ans Meer fahren, wenn ich ein Auto hätte. Ich würde mich einfach hinein setzen und losfahren. Niemanden und nichts anderes als sonst mit nehmen. Stellen wir uns zum Beispiel einen weißen Polo Coupé Baujahr ´86 vor. Unheimlich schön und puristisch dieses Auto, damit wäre ich von hier aus in ungefähr sechzig bis neunzig Minuten am Meer. Je nachdem und geradeso, noch recht zeitig, würde ich zum Sonnenuntergang da sein. Ich würde sie genau beim ins Meer huschen erwischen und der Mond wäre dann bestimmt auch irgendwo zu sehen, hinten neben dem Wald.

Aus all diesen Gründen lebe ich hier, und ich kann es noch nicht ganz begreifen, warum ich damals, als ich herkam, nicht an meinem Kleinwagen festhielt. Es war mir so egal. Ich wollte nicht ans Meer fahren, ich bin zwar seinetwegen hier, verspürte jedoch keinerlei Bedürfnis solch eine lebendige Handlung zu vollziehen. Es ist schrecklich, was der Tod alles anstellen kann. Das muss ja alles gar nicht passieren, aber oftmals ist es eben so. Er nimmt nicht nur Jemand lebendiges an sich, nein, er nimmt auch den noch Lebenden drum herum, für eine Gewisse Zeit, ganz viel an Lebendigkeit weg.

Lässt sie erstarren, in sich kehren und irgendwann lässt er auch mal los, aber das muss man wollen. Denn man kann sich an alles irgendwie gewöhnen, auch daran traurig zu sein und zwar traurig von ganz tief drinnen, die Traurigkeit soweit nach unten schieben wie es eben geht, dass fast niemand es bemerkt.

Und nun kann ich nicht ans Meer fahren, doch ich stelle es mir vor. Wie es rauscht und säuselt, wie die Möwen wegen der paar Frühlingsspaziergänger einen halben Herzinfarkt erleiden, weil sie eben auch spüren, das es los geht, es warm wird und die Leute wieder mehr mit der Natur verschmelzen.

Liebe. Leben. Loslassen.

Ich sitze am Strand und denke an früher. Als erstes, wenn ich einen Strand betrete, egal welchen, erinnere ich mich an früher, wie ich es als kleines Mädchen gehasst habe, wenn meine Eltern einfach weiter liefen, obwohl ich viel länger zum Sandaletten ausziehen brauchte. Jedes Mal musste ich hinter her rennen, wie ein kleiner Hund, ein Welpe der noch was lernen muss. So so!

Bin ich allein am Strand, dann denk ich auch unweigerlich noch weiter über früher nach. An diese Zeit, wo es völlig normal war, das wir im Sommer ans Meer fahren. Es gab auch andere Zeiten. Aber eben diese erscheint mir immer noch als am schönsten und sie glitzert in meiner Erinnerung so wunderschön. Und dann fallen mir skurrile Sachen ein, von damals. Wie wir zum Beispiel über Schuppen und Garagendächer durch den halben, unser Universum, Stadtbezirk marschiert sind und uns dabei ziemlich klasse fanden. Es war ein großartiges Gefühl, diese Geheimwege. Wir machten dann immer Wetten. Sprangen willkürlich von einem Schuppen zum nächsten und dann stopp, runter, raus, nach schauen wo wir sind und der der richtig getippt hat, durfte entscheiden wie es weitergeht. Oder Eckhäuser, große Eckhäuser, in so einem wohnte ich auch und die Keller sowie Dachböden waren damals verbunden. Als wir das entdeckt hatten, fühlten wir uns kurz wie Columbus. Es war also möglich von Katrin zu Sandy zu Stefan zu Elisabeth zu Martin zu Jan und zu was weiß ich wem noch zu gehen, ohne ein einziges Mal den Bürgersteig zu benutzen. Unsere Herzen schlugen höher, schneller, tiefer und alles zusammen, jeder für sich war bei sich. Wir waren gut, wir waren fair, bei uns gab es keinen Besten und Tollsten und Schönsten. Wir waren alle toll und wenn mal jemand 2, 3 oder 4 Wochen keinen Bock hatte, dann verlor niemand ein Wort darüber und es war immer wie „früher“, wenn jemand „wieder“ kam.

Und Gruselgeschichten erzählten wir uns über die Keller, auch über den Keller in dessen Haus wir wohnten. Es war ein schönes Haus, es hatte eine unheimlich beruhigende Wirkung auf mich, Ich fühlte mich sauwohl trotz und vielleicht sogar wegen dieser ganzen Gruselgeschichten. Wir hatten unsere Wohnung ja im dritten Stock und über uns war ein Dachboden, ein gewaltiger Dachboden mit unzähligen Bodenkammern und Gängen, wenn man lange genug im Zickzack in die eine Richtung lief, kam man an solch eine Tür, die dann eben zu dem Dachboden des Nebeneingangs führte.

Jedenfalls hörte ich viele Nächte lang ein durchdringendes Schlagen, oder Klopfen und zwischen durch Schritte. Ich wachte meistens davon auf, oder weil ich Pipi musste und dann manchmal, wenn ich aus dem Bad zurück kam, war dieses beharrliche, vehemente Pochen wieder da und die Schritte und das Quietschen von Scharnieren.

Tatsächlich war es so, dass in unsrem Haus ein Bäcker war, ein wirklich schöner Laden mit einer umwerfenden 5 Zimmer Wohnung hinten dran, und dieser Mann der dort der Bäcker war, erhängte sich irgendwann in seiner Backstube ( natürlich im Keller ), als ich 5 oder so war. Er hinterließ seine Frau mit den 4 Kindern, eins davon war mini klein, das weiß ich noch.

Mir kam das alles so schrecklich vor. Ich träume heute noch von diesen Geheimgängen und Kellern und alten Backstuben oder Waschkellern. Diese Frau war eine Furie, sie schrie den ganzen Tag ihre Kinder an, wirklich von morgens bis abends. Einmal, das weiß ich auch noch, war ich in dieser Küche und es war bis heute die schönste Küche die es je für mich gab, sie lag direkt unter Unserer, aber sie war viel heller und wärmer in dem Moment. Die Mutter der Kinder war für 2 Tage nicht da, die Kleinsten hatte sie irgendwie untergebracht. Heute war es Zeit zum Kontakte knüpfen. Ich weiß wirklich noch ganz genau, wie ich die Treppe runter kam, und dieser Junge mich anlächelte, ich grinste zurück, wollte eigentlich gerade zum „Treffpunkt“, der immer ein anderer war,

Aber er schaute so, als würde er auch gern einmal, nur ein einziges Mal wollen, weil die Furie ja vorhin abdüste, den Sommer genießen wollen. Ich sah das sofort, innerhalb dieser 3 Millisekunden hab ich das gecheckt, bin stehen geblieben und meinte: „und was macht ihr die letzte Ferienwoche?“ mit ihr meinte ich auch seine um 1 Jahr ältere Schwester die ganz leise und unscheinbar im Hintergrund erschien. Sie zuckten mit den Schultern und baten mich mittels Gesten rein, ganz leise, so wie sie es gelernt hatten.

Nun gut, ich stand in dieser Küche und trank selbstgemachten Saft, lila und er schmeckte mir wahnsinnig gut, das sagte ich sofort, verlangte mehr und lobte Saft in den Himmel. Meine Eltern kauften stets und ständig nur Mineralwasser, höchsten im Winter mal „Direktsaft“.

An diesem Tag, als die Mutter nicht da war, war der Vater schon tot. Es war also ganz kurz danach und die Reise der Mutter hatte auch irgendetwas damit zu tun. Genau weiß ich es nicht, Ich spürte nur die unheimliche Traurigkeit der Beiden und konnte gar nichts dazu sagen. Ich weiß noch wie ich mir vor zu stellen versuchte, wenn es anders herum wäre, das eben mein Vater oder meine Mutter tot sei. Ich konnte es nicht begreifen. Nach stundenlangem Schweigen wollte ich gehen, ich war auch längst zu spät und sollte schon bei meiner Oma sein, die in einem anderen Stadtteil wohnte, wo auch der Treffpunkt nicht weit war. Sie machte sich Sorgen, doch als ich ihr alles erzählte war sie froh über mich und ließ mich raus gehen.

Irgendwann bot ich den Beiden dann an mit zu kommen, zum Treffpunkt. Sie wollten nicht, sie lehnten ab. Sophie meinte sogar ernsthaft:“ ich will lieber gar nicht erst wissen, wie schön es mit euch allen ist, Übermorgen ist sie wieder hier, das passt nicht.“

Ich ging allein, habe es noch ein paar Mal versucht. Sie zogen aus, die Wohnung stand leer, bis heute.


ana chillmaey
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